SHORTLIST: LITERATURCAFE.DE

Wir stellen Euch die Shortlist-Kandidaten des Bubla17 vor! Das literaturcafe.de ist der literarische Treffpunkt im Internet und wurde bereits im Jahr 1996 von Wolfgang Tischer gegründet. Lest hier unser Interview mit ihm!

Jeweils sieben Blogs, Vlogs, Instagram-Accounts und Podcasts stehen als Anwärter für den 1. Buchblog-Award auf der Shortlist für den Haupt- und den Sonderpreis. Eine Übersicht aller vierzehn Kandidaten findet Ihr hier.

Jetzt aber Bühne frei für literaturcafe.de!

Steckbrief

Blog-Name: literaturcafe.de
Startdatum des Blogs: Juni 1996
Genres: Literatur
Social Media Kanäle: Facebook, Twitter
Name des Bloggers: Wolfgang Tischer

Stelle Dich kurz vor!

Mein Name ist Wolfgang Tischer. Ich bin der Gründer, Betreiber und Herausgeber des literaturcafe.de. Beruflich habe ich seit vielen Jahren mit Büchern und Literatur zu tun. Als Journalist und Literaturkritiker schreibe ich über Bücher und die Buchbranche. Ich gebe Seminare für Autorinnen und Autoren, organisiere und moderiere Literaturveranstaltungen der unterschiedlichsten Art. Ursprünglich bin ich gelernter Buchhändler.

Was liest Du gerade?

»Ein Leben mehr« von Jocelyne Saucier (deutsch von Sonja Finck) und »Beautiful Losers« von Leonard Cohen (deutsch von Gregor Hens).

Warum hast Du mit dem Bücher-Bloggen angefangen?

Es hatte eine Faszination, einfach so etwas ins Internet zu schreiben. Damals, als ich damit begonnen habe, vielleicht noch mehr als heute. Anders als in den sozialen Netzwerken haben Texte auf Websites und Blogs fast schon etwas Beständiges, sie rauschen nicht durch wie eine Facebook-Timeline. Man kann zudem vieles ausprobieren, auch mal Podcasts und Videos produzieren. Und es ist großartig, wenn man auf all diesen Wegen von den unterschiedlichsten Menschen gelesen und gehört wird.

Was ist das Schönste am Bloggen?

Die Freiheit. Niemand macht Vorgaben, weder inhaltlich noch vom Umfang her. Mit den Themen Literatur und Bücher lässt sich so viel verbinden, so viel ausprobieren, sodass es nie langweilig wird.
Speziell bei Kritiken und Rezensionen schätze ich es, dass man in einem (Kultur-)Bereich arbeitet und schreibt, in dem die Verlage wissen, dass gute und schlechte Kritiken ein Buch ins Gespräch bringen und eine Lobhudelei nicht immer die erfolgreichste Form der Buchempfehlung ist.

Was nervt auch mal?

Nervig finde ich es, wenn man gelegentlich von Verlagen oder PR-Agenturen so angekumpelt wird. Als wäre man ein willfähriger Erfüllungsgehilfe der Werbeabteilung.
Ansonsten nervt wenig. Jedoch gibt es zwei Dinge, die ich immer wieder schade und manchmal sogar beängstigend finde. Zum einen bedaure ich es, dass viele Kommentare zu Beiträgen in die sozialen Netzwerke abgewandert sind. So gehen viele wertvolle Aspekte und belebende Diskussionen leider auch für andere Besucher eines Blogs verloren. Ich wünsche mir, dass wieder viel mehr direkt nach den Beiträgen kommentiert wird, weil es einfach sichtbarer und öffentlicher ist und bleibt.
Die zweite Sache ist die, dass es manchmal so erschreckend einfach ist, die Leserinnen und Leser zu einem Klick zu bewegen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie man mit einem banalen Beitrag und einer banalen Überschrift Klicks generieren kann à la »Drei Gründe warum …« oder »Was Sie unbedingt über xyz wissen sollten«. Ich mag das gar nicht, obwohl wir das im literaturcafe.de gelegentlich auch einsetzen.
Auf der anderen Seite hat man für einen anderen Beitrag recherchiert und gearbeitet, sich Mühe gegeben und an den Formulierungen gefeilt, weil man ein Buch oder einen Autor oder irgendwas anderes einfach für wichtig, witzig oder cool oder besonders hält – und die Klicks und Reaktionen der Leser sind eher mäßig. Es ist manchmal einfacher, sich an einen Bestseller zu hängen.
Aber gut, dafür sind Blog und alternative Online-Medien nun mal da, und ich werde immer über ein Buch oder einen Autor schreiben, den ich für wichtig oder manchmal auch für zu wenig beachtet halte. Die Mischung macht es.
Ein anderes Beispiel: Meine Fernsehkritiken zum »Literarischen Quartett« im ZDF finden immer eine erstaunlich große Beachtung. Oft wandern nach einer Sendung bereits die älteren Beiträge in den Abrufzahlen nach oben, bevor ich überhaupt etwas zur aktuellen Sendung geschrieben habe. Jemand hat mal gesagt, er freue sich mehr auf die Kritik im literaturcafe.de als auf die eigentliche Fernsehsendung.
Dann habe ich die letzte Sendung des Quartetts mit Ijoma Mangold als Gast gesehen. Die Sendung war ok, es gab nach so vielen Beiträgen im literaturcafe.de wenig Neues und Erhellendes zum Inhalt zu sagen. Dann habe ich beim zweiten Mal Schauen der Sendung einen Menschen mit einer roten Hose in der ersten Reihe der Zuschauer entdeckt. Ich fand den cool, das hätte ich sein können. Ich habe mir dann den Spaß gemacht, über die rote Hose zu schreiben, habe aber das Ganze diametral umgedreht und so getan, als fände ich das schrecklich. Viele haben über diesen absurden Beitrag gelacht, und nichts über den Inhalt der Sendung selbst zu schreiben, war schließlich auch eine Aussage. Doch weitaus erschreckender war es, wie viele Leute tatsächlich der Meinung waren, dass das ein ernster Beitrag oder schlechter Scherz war und ich wirklich so denke. Natürlich habe ich mich diebisch über die bösen Kommentare gefreut, aber es hat mir andererseits auch Angst gemacht, mit welcher Vehemenz man plötzlich angegangen wird. Wie bei einer negativen Literaturkritik argumentieren viele plötzlich nicht mehr sachlich dagegen, sondern teilen persönlich gegen den Kritiker aus. So auch hier. Obwohl einem das schon beim Schreiben bewusst ist, haut es einen dennoch gelegentlich um, wie einfach man Menschen emotional beeinflussen kann. Es ging hier um eine absolut banale Sache, und dennoch echauffierten sich so viele Menschen ernsthaft darüber. Obwohl man über Bücher und Literatur schreibt, erhält man einen erschreckenden Einblick, wie emotional die Diskussionen im Web geworden sind und wie einfach es ist, Fake-News zu streuen, weil so viele Leute vieles einfach unreflektiert glauben. Das ist – wie schon gesagt – nicht nervig, das ist gelegentlich erschreckend.

Wo liest Du selbst am liebsten Rezensionen und anderen “Buch-Content”?

Bei Google! Halt! Das war auch ein Scherz. Obwohl …
Ich muss zugeben: Ich lese selten Rezensionen, ich schreibe sie lieber. Ich hasse Spoiler. Und leider bestehen zu viele Kritiken aus schlechten Nacherzählungen des Inhalts. Daher hasse ich auch Klappentexte. Ich lasse mich mehr von persönlichen Tipps und Anregungen leiten. Oder es gibt ein neues Buch einer Autorin oder eines Autors, die oder den ich sehr schätze. Ich versuche dann, im Vorfeld möglichst wenig über das Buch zu erfahren und lese einfach. Das ist mir gerade bei Büchern, die ich rezensieren will, sehr wichtig. Ganz, ganz selten ist es eine fremde Rezension, die mich zu einer Lektüre bringt. Rezensionen lese ich eher dann, wenn ich ein Buch selbst nicht lesen will, aber einen Eindruck zur Rezeption gewinnen möchte.
Spannend ist es jedoch, wenn man eine Kritik geschrieben hat und anschließend schaut, was denn die anderen von diesem Buch halten. Und dann nutze ich in der Tat Google, um Rezensionen zu finden. Ob ich dann auf einem Blog lande oder bei einem anderen Online-Medium, ist mir ziemlich egal. Ich lese alles sehr aufmerksam.

Welcher Deiner Lieblings-Blogs ist nicht auf der Shortlist?

Eine gemeine Fangfrage! Kein Kommentar.

Warum hast Du dich für den Buchblog-Award 2017 beworben?

Das war in der Tat eine Frage, die wir lange diskutiert haben. Die kurze Antwort ist: Weil es eine kompetente Jury gibt. Eine etwas längere Antwort lässt sich im literaturcafe.de nachlesen.

Wie siehst Du die Zukunft der Buchblogs?

Die allerwichtigste Feststellung zu dieser Frage lautet: Es gibt keine Buchblogs! Es gibt eine Vielzahl von Menschen, die was zu Büchern ins Netz schreiben. Und es gibt so viele Gründe, warum sie das tun. Das kann man nicht über einen Kamm scheren. Da gibt es keine gemeinsame Zukunft.
Ich hatte die Freude und die Ehre, das Programm der diesjährigen Buchblogger-Konferenz auf der Leipziger Buchmesse mit zu kuratieren. Als es – wie so häufig – wieder mal um die Frage ging, ob man mit dem Bloggen Geld verdienen kann, haben wir die Frage gestellt: Warum bloggt ihr über Bücher? Sehr ihr euch eher als Kulturjournalisten, seht ihr euch als Art PR-Agenturen, die für Verlage arbeiten, oder macht ihr das zum Spaß und als Hobby. Der überwiegende Teil der Bloggerinnen und Blogger macht es tatsächlich aus Spaß und Hobby. Und wer wäre man, den Menschen vorzuschreiben, was sie wie in ihrer Freizeit machen sollen?
Umgekehrt sollte sich daher auch die Szene der Buchblogger selbst weniger als homogene Szene begreifen, weil die Interessen zu vielfältig sind.
Aber Hobby hin oder her: Gelegentlich finde ich es schade, wenn Buchblogger von Verlagen zu sehr instrumentalisiert werden oder sich Blogger für ein Rezensionsexemplar oder andere Selbstverständlichkeiten von Verlagen instrumentalisieren lassen. Ich selbst schätze und liebe die Unabhängigkeit.

Vielen Dank für Deine Antworten! Wir drücken Dir die Daumen!

Die Gewinner des 1. Buchblog-Awards werden auf der Frankfurter Buchmesse bekanntgegeben. Alle sind herzlich zur Preisverleihung eingeladen!

Buchblog-Award 2017 – Die Preisverleihung
Wann? 13. Oktober 2017, 12 Uhr
Wo? Frankfurter Buchmesse, im Forum Börsenverein, Halle 3.1 H65
Zum Facebook-Event

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